Archive for Mai 2009

Szenario – Nordkorea

Mai 31, 2009

Eigentlich wollte ich bellistisch werden, das heißt, auf die Konfliktsituation mit Nordkorea eingehen. Aus militärischer Sicht. Der Norden droht wieder, und in den Zeitungen sieht das Szenario so aus, genau dort, wo unser Neffe stationiert werden soll:
Eingescannt mit 2009-05-31
Vergleichbar mit vergangenen Vorfällen, der letzte 2002, wo es ein Schiffeversenken gab.
Aber von der politisch-militärischen Seite bin ich etwas abgerückt, seit gestern. Denn wir haben die letzten zwei Tage mit nordkoreanischen und chinesisch-koreanischen Familien verbracht. Das alles im Rahmen eines von einer Grundschule Gimhaes gesponserten Treffens in einer traditionellen Hofanlage mit Übernachtung, einem Hanok. Zum Rahmenprogramm gehörte auch Pansori, am Ende haben die Familien zusammen gesungen. Hier Nachwuchstalente:
Pansori im Hanok
Zwei nordkoreanische Familien haben Flüchtlingsgeschichten hinter sich, die jeweils in Laos und Vietnam und der Mongolei endeten. Eine Mutter erlitt dabei drei fehlgeschlagene Fluchtversuche über Jahre hinweg, bzw. überlebte diese. Der Tumen-Grenzfluss reichte ihr bis zum Hals, sie kann nicht schwimmen. Bei einer Aktion verloren sich die Spuren ihrer mitflüchtenden Freundin. In China wurde sie wiederholt aufgegriffen, danach landete sie immer wieder im Arbeitslager. Und jedes Mal wurde die Strafzeit länger. Steine schleppen von 6 Uhr bis 22 Uhr, bei ein wenig Kartoffeln und schlechtem Reis pro Tag. Wie überlebt man sowas? Korruption. Das Familiennetzwerk zwischen Nord- und Südkorea baut sich auf, wenn es ein Familienmitglied geschafft hat. Ab da ist das erste Ziel Geld verdienen. Dann versuchen sie die anderen nachzuholen. Mit Bestechungsgeldern. Und so gelingt vielen die Flucht. Männer in Nordkorea haben oft einen endlosen mehrjährigen Militärdienst hinter sich, und haben wenig Geld. Sie sind eine der Schwachstellen im Kontrollsystem des Staates. Viele sind bestechlich. Und mit jedem weiterem Familienmitglied im Süden verstärkt sich der Geldfluss nach Norden. Ich weiß nicht, inwieweit dieser Prozess den nordkoreanischen Staat erodieren lässt, aber er ist meiner Meinung nach folgenreicher als das politisch-militärische Gezerre. Eine Mutter hat ihrem zurückgebliebenen Sohn, Berufssoldat (!) geschildert, sie lebten hier im Paradies. Politisch unkorrekt, aber ich kann es nicht ändern.

Am Ende haben die Familien unter Anleitung koreanische Süßigkeiten hergestellt, sie sollen aus der Koryuo-Zeit stammen.
Hanok
Eine engagierte Lehrerin, die Pansori schon seit Kindheit praktiziert:
Pansori VI
Ein Hanok mit Innenhof:
Hanok
Bleiben noch die Schilderungen der China-Koreanerinnen. Eine hatte arge Anpassungsprobleme. Sie traf ihren zukünftigen Mann in Südkorea auf einer Geschäftsreise.
Das Schwiegertochterdasein gefiel ihr überhaupt nicht, nachdem sie hier geheiratet hatte. Diese Pflichten gegenüber den Schwiegereltern kannte sie nicht aus China, da sei es eher umgekehrt. Aber mit der Zeit wurde es besser, als die Generationen getrennt lebten. Jetzt kenne sie auch die andere Seite. Die Geldzuweisungen der koreanischen Verwandtschaft, während die Schwiegereltern in China eher außen vor seien, generell.
Im Übrigen machten die Männer den Haushalt in China, sagt sie, umgekehrt sei es hier. Sie hat mittlerweile die koreanische Staatsbürgerschaft und ist geschieden. Betreibt ein chinesisches Restaurant in Gimhae.
Hanok
Sayan und Surin mit T-Shirts, die an die Gründungslegende von Gimhae erinnern, die sechs Eier.

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Bongha 봉하

Mai 28, 2009

Es ist ein Uhr nachts. Die Menschen strömen immer noch in den Ort des ehemaligen Präsidenten.Bonghwa 노무현
Viele werden bis morgen früh unter Zeltdächern die Überführung nach Seoul abwarten. Gegen 5 Uhr etwa. Die Wartezeit für die letzte Verbeugung für Roh Moo Hyun dauert über 3 Stunden. Also fast bis zum Morgengrauen.
Letzte Abschiedsgrüße an den Bauwänden im Dorf:
Bonghwa III 노무현
Oder Privatfotos:
Bonghwa II 노무현
Eine rituelle Handlung, Religion unbekannt:
Bongha IV 노무현, 봉하
Warten bis zum Morgen:
Bonghwa VI
Das Auto haben wir weitab vom Dorf geparkt. Beim Rückweg durch die Reisfelder zwischen den niedrigen Bergen gehen ein Kind und ein Erwachsener in der Ferne über die kleinen Dämme. Man sieht zwei Kerzen leuchten. Sonst kaum künstliches Licht. Genau in diese Szene fährt eine große Lok, zwei Mal gibt sie Signal, das durchs Tal hallt. Das nenne ich einen würdevollen Abschied.
Nacht

Roh Moo-Hyun 노무현 Die Trauerwoche

Mai 26, 2009

Über Hunderttausend waren in Bongha zu ersten Trauerbesuchen. Der Ort des ehemaligen Präsidenten in Gimhae. In Korea sind offiziell über 60 Gedenkaltäre (vielleicht noch mehr) eingerichtet worden, einer davon am Hauptbahnhof in Busan. Unzählige Bänder mit Widmungen hängen dort bereits:
Roh Moo-Hyun 노무현
Alles ist sehr ruhig, Schlangen stehen vor dem Gedenkschrein, um dort eine letzte Verbeugung vorzunehmen:
Roh Moo-Hyun 노무현
Andere lesen die Banner:
Roh Moo-Hyun 노무현
Kerzen gehören natürlich auch dazu:
Roh Moo-Hyun 노무현
Ich habe bei einigen Studenten nachgehakt. Viele sehen die Anschuldigungen gegen Roh noch nicht als bewiesen an. Ein Punkt, den ich auch so einschätze. Aber Urteile über ihn wurden ja ausreichend publiziert.
Roh Moo-Hyun 노무현

Roh Moo-Hyun 노무현, 봉하

Mai 24, 2009

1946-2009
Roh Moo-Hyun
Fünf demokratisch gewählte Präsidenten. Der erste davon war noch Militär. Danach ging es, seit ich Korea kenne 1993, mit zivilen Kandidaten weiter. Und darüber bin ich sehr froh. Kim Young-Sam versuchte sich an der Bekämpfung der weitverbreiteten Korruption aus alten autokratischen Zeiten. Täglich waren Nachrichten zu dem Thema im Fernsehen zu sehen. Das hat sich seitdem nicht geändert. Präsident Kim Dae-Jung bekam den Friedensnobelpreis für die Aussöhnungspolitik mit dem Norden, auch wenn nachher bekannt wurde, dass Nordkorea immense Summen für Zugeständnisse erhalten hatte. Roh Moo-Hyun wurde sein Nachfolger bis vor anderthalb Jahren. Mit jedem weiteren Präsidenten wurde der Abstand zur ehemaligen Militärdiktatur größer. Eigentlich sollte es neuen Respekt für das Präsidentenamt geben. Aber etwas ist schief gelaufen. Roh erhielt Gelder während der Amtszeit, die nun von der Staatsanwaltschaft als Korruptionsverdacht untersucht wurden. Vor der nächsten Befragungsrunde hat er sich am Samstag morgen in Gimhae das Leben genommen. Stundenlang standen die Einheimischen gestern vor den Bildschirmen.
Roh Moo-Hyun II
Sein Wohnort außerhalb der Stadt hat sich in den letzten Jahren etwas verändert, am Ende der Präsidentschaft wurde ein neues Haus für die Familie an seiner Geburtsstätte errichtet:
Gerburtsort des Präsidenten Wenig weiter hat er sich gestern Morgen von dem Felsen oberhalb des Dorfes gestürzt.
Geburtsort und der letzte Tag, alles hat hier stattgefunden:
Präsident
Für viele in unserer Familie war dieser Aspekt seiner Präsidentschaft wichtig, zumindest am Anfang, Ohmynews (ein Artikel über seine Politik, seine Ziele):

Roh Moo-hyun was considered by many Koreans an unlikely presidential candidate during the 2002 presidential election. He did not have any special relationship to the elite, conservative politicians as his predecessors have. He came from a poor farming family and only completed high-school on scholarship. He studied law by himself and passed the bar exams on his fourth attempt. In this way, he is a self-made man.

His background have inspired hope among many young Koreans who have longed demanded for an end to old politics and usher in an era of new, clean politics. They mobilized the power of the internet to disseminate information about him faster than traditional media platform and encouraged others to participate in the election. As a result, he won the election. His victory represents a battle between „old politics“ and „new politics.“

Bestätigung war, dass sein Dorf am Ende der Präsidentschaft zum Teil immer noch so aussah:
Präsidentendorf
Dieser umgestürzte Felsen unweit des Hauses des ehemaligen Präsidenten, er wird ihn seit seiner Kindheit gekannt haben:
Präsident V
Das unfertige Haus:
Präsident IV
RIP

Expatkultur

Mai 21, 2009

Bei dem Begriff habe ich früher in erster Linie an Europäer und Amerikaner gedacht, die in Korea arbeiten. Seit wir in Gimhae wohnen, ist nicht zu übersehen, dass es hier viel mehr Expats aus den Philippinen,Thailand und Vietnam gibt. Frauen aus Südostasien sind auch darunter. Komisch, ich treffe wohl immer die Ausnahmen, die so gar nicht dem Klischee traditioneller Frauenrollen entsprechen.
Das sind Ann aus China und Angela (rechts) aus Malaysia. Beide sprechen natürlich fließend Englisch. Die Kumustabar der Pakistaner hat sie für den Thekendienst am Wochenende engagiert. Angela studiert Biotechnologie in Gimhae. Sie beklagt die Hirachiestrukturen innerhalb des Unibetriebs. Das uneffiziente Längerbleiben bei der Arbeit, bis der Ranghöchste geht.
Und im Gegensatz zu den meisten Koreanern wächst man in Malaysia oft mehrsprachig auf. Zum Beispiel ihre Familie: Der Vater ist malaysischer Muslim und spricht eine einheimische Sprache aus Borneo. Ihre Mutter ist Chinesin. „Meine Mutter ist der Boss“. Deswegen wurde sie auf eine chinesische Schule in Malaysia geschickt. Die Eltern mussten auf Englisch kommunizieren. In der Schule auch ein wichtiges Unterrichtsfach. Jetzt ist sie in Korea. Ich glaube, es sind mittlerweile 4-5 Sprachen, die sie beherrscht.
Finlandia

Zwischendurch

Mai 20, 2009

In der Grundschule haben sie wieder einen nationalen Vergleichstest durchgeführt. Sayan hat auch diesmal ganz gut abgeschnitten. Zusätzlich haben die Halbjahresprüfungen stattgefunden. Einige Freundinnen von Sayan bekamen von zuhause die Drohung mit, ja keine Punkte zu verschenken. Es hat nichts geholfen. Sayan erzählt, mindestens zwei hätten deutlich verfärbte Stellen an den Beinen. Körperliche Züchtigung, oder so. Begleitet von Verbotsankündigungen: kein Fernsehen, kein Computer, kein draußen spielen. Stattdessen noch mehr Hagwon (Privatschulen nach der Schule).
Ich bin dann immer hellhörig, auch an meiner Schule wird vereinzelt die Körperstrafe noch praktiziert (auf die Finger/Beine). Auch einige Amerikaner sind nicht grundsätzlich dagegen, es ist ja in einigen Bundesstaaten noch möglich. Eine Debatte bei:
Brian in Jeollanam-do
Ich bin froh,dass das weitgehend in Europa verboten ist. Dann gibt es keine Grauzonen. Verboten, basta, aus.
Dazu muss ich noch anmerken: Es herrscht keine preussische Disziplin in koreanischen Schulen. Nicht mehr.
Zum Thema passt auch ganz gut, dass nach monatelanger Diskussion in Seoul kein Verbot von Hagwonzeiten nach 22 Uhr durchgesetzt wurde. Die Eltern haben auch weiterhin die Möglichkeit, ihre Kinder bis nach Mitternacht beschäftigt zu halten. Auch wenn nicht alle davon Gebrauch machen.

Dolmen in Gimhae

Mai 18, 2009

Großsteingräber in Korea stammen aus der Bronze- oder Eisenzeit. In Mitteleuropa zählen sie zur Jungsteinzeit. Neolithikum. In Gimhae haben einige Gräber riesige Deckplatten, hier sind etwa mittelgroße mitsamt der Einfassung, die sie umgibt:
Dolmen V
Hier sind die Steine schon größer:
Dolmen III
Und in dieser Ansammlung das mächtigste Grab:
Dolmen II

Ein Tag – fünf oder sechs Gedanken

Mai 16, 2009

Irgendwann werde ich den ultimativen Müllpost schreiben. Ich bin so konditioniert, dass Abfall in der Umgebung nicht ignoriert werden kann. Und irgendwann ist dann Schluss mit schönen Frühlingsfotos. Jedenfalls für einmal:
Mai
Gestern war Lehrertag. Schüler machen dann mitunter Geschenke. Bei mir haben sie in der Oberschule ein Lied gesungen und eine Gruppe von Schülerinnen hat mir das geschenkt. Die Kreide haben sie getaped, damit ich nicht wieder farbige Hände bekomme:
Mai II
Für die treuen Leser mit guten Koreanisch-Kenntnissen. Vier Schilder mit Verboten, was man nicht machen soll. Zum Beispiel auf die Straße spucken:
Mai III
Seit ich mich mit alten Dachpfannen beschäftige, entdecke ich sie nun überall, hier in einer Mauer:
Mai IV
Koreaner denken nur ans Essen, selbst beim spazieren gehen, das wird der nächste Salat^^:
Mai V
Unser Neffe, der zur Insel vor der nordkoreanischen Küste muss, hat sich bereits per Internet gemeldet. Die Marine gibt das weiter. Nur Besuch oder Heimfahrt sind vorläufig nicht erlaubt:
Mai VI

Festungsbau

Mai 13, 2009

Weiterhin zum großen Teil Handarbeit: Der Wiederaufbau der Festung oberhalb Gimhaes
Mauer Mai
An der Nordflanke werden die Steine behauen:
Mauer Mai II
Einige Wanderwege sind deswegen gesperrt, es könnten Brocken herabfallen:
Mauer Mai III

Da wohnen …

Mai 12, 2009

wir fast zwei Jahre in Gimhae und fahren erst jetzt dorthin. Das sind nur 30 Minuten Fahrt. 15 km Luftlinie.
Dadaepo Mai
Allerdings war das früher abgesperrtes Terrain und erst in den letzten Jahren freigegeben. Wegen der Nordkoreaner. Überall finden sich verlassene Militärwachtposten, manche sind noch in Betrieb. Surin übernimmt mit der Wasserpistole:
Dadaepo Mai III
Links hinter den Halbinseln liegt Busan, das von mehreren Buchten zergliedert ist. Hier ist so ein Wachtposten gegen nordkoreanische Infiltration, langsam am Zerfallen:
Dadaepo Mai II
Das Wasser ist noch kalt, baden nicht möglich:
Dadaepo Mai V
Aber es ist kein angesagter Strand in Busan. Hier picknicken Familien. Die Koreaner sammeln ansonsten Algen oder Angeln als Aktivität, die Europäer und Amerikaner sonnen sich lediglich, was hier wiederum kein Koreaner tut.
Dadaepo Mai IV

Warum fällt mit jetzt immer wieder Nordkorea ein, ach ja. Ein Neffe muss seinen Dienst antreten. Der Grundwehrdienst dauert zwei Jahre. Und er soll auf eine Insel im Gelben Meer bzw. in der Westsee kurz vor der nordkoreanischen Grenze. Die kleine südlichere der beiden im Bild.