Archive for Dezember 2007

Auf Skiern – Im Stau – Im Schneesturm

Dezember 30, 2007

Wo fühlt sich der Winter am besten an? Für viele auf Skiern. Seit Wochen bearbeitet unser Schwager die Verwandtschaft einen Ausflug in ein Ski-Resort zu unternehmen. Die Tochter hat er solange mit unerwünschten Anrufen aufs Handy während der Arbeitszeit genervt, dass sie zugesagt hat. Nächstes Opfer war ich. Am Samstagmorgen heißt es am Telefon: Sachen einpacken, losfahren.

Perspektive: 1987 bin ich das letzte Mal Alpinski gefahren, mein 50jähriger Schwager noch nie und die 30jährige Nichte hat es zumindest schon versucht. Lediglich im Winter 94/95 haben meine eigenen Skier noch einmal Piste gespürt. Infolge des ersten Alpinerlebnisses in Deutschland für einen koreanischen Neffen zu Besuch: Am famosen Dörenberg (330m) bei Osnabrück in 250m Höhe über dem Meeresspiegel.

Hier 1987 im Allgäu im Schneetreiben wie 2007 in Muju:
Allgäu

Die Schneekanonen im koreanischen Muju-Resort scheinen das Gelände präpariert zu haben, denn der große Wintereinbruch fehlte bis jetzt. Der Weg über die Autobahn dorthin beträgt 270 km, die wir in zweieinhalb Stunden geschafft haben. Die Strassen waren trocken und ziemlich leer. Ankommen in einem koreanischen Skiort sieht so aus, überall Läden mit Ausrüstung und natürlich Restaurants, keiner geht ohne Essen auf die Piste. Wir auch nicht.
Ski Muju Resort
Es fängt an zu grieseln, feiner Schnee. Altschneereste sind nicht zu sehen. Das Skigebiet hatte sich übrigens als Austragungsort der Winterolympiade beworben(Irrtum es war PyeongChang) die Vergabe ging aber an einen Konkurrenten außerhalb Koreas.
Hier besorgen wir leihweise die nötige Ausrüstung. Um 13 Uhr sind wir auf dem Parkplatz unter den Liften. Der Andrang ist moderat, besonders die Anfängerhänge werden häufig angesteuert.
Ski III
Auf dem Höhenkamm um 1600m bleiben Wolken hängen, Neuschnee auf den Bäumen. Aussentemperatur zwischen -3°C und -4°C. Kaum Skischulen sind unterwegs. Wer Anfänger ist startet oben einfach, egal wie man hinfällt. Wahrscheinlich nimmt die Fallquote mit zunehmender Zeit ab. Anders als in Europa bleiben Koreaner gerne länger im Schnee sitzen.
Ski VII
Der Schneefall nimmt zu, die Schneekanonen arbeiten ebenfalls weiter auf Hochtouren:
Ski Muju Resort
Ich stelle fest, dass selbst nach so langer Zeit, immer noch die gleichen Ski-Fertigkeiten vorhanden sind. Mich packt der Ehrgeiz und wechsel die Liftstation, nach 10 min lande ich ganz oben auf dem Berg,eher aus Versehen auf der schwarzen Piste. Hier ist man fast allein. Der Schneefall hat sich zum Schneetreiben entwickelt, hinter der Kante geht’s runter.
Ski XIII
Am späten Nachmittag eine Zwangspause, die Pisten werden planiert. Um kurz vor 18 Uhr geht das Flutlicht an. Mein Schwager und Tochter finden kein Ende erst um 22 Uhr ist Schluss. Die Menge strebt den Pkws zu. Die Strassen haben eine geschlossene Schneedecke, viele ziehen Ketten auf. Um 23 Uhr haben wir die Ausrüstung zurückgegeben. Um 3Uhr morgens hängen wir noch immer kaum 100km vorwärts gekommen in der Gegend, wir machen eine Essenspause. Nun ist das ganze zum Schneesturm ausgewachsen. Mein Schwager schläft fast am Steuer ein. Um wach zu bleiben, kauen die beiden getrocknete Tintenfischarme. Gegen 4 Uhr lassen wir den Motor laufen und halten an einer weiteren Raststätte. Um kurz vor 6 Uhr hat sich die Lage gebessert. Wir kommen aus dem Niederschlagsgebiet. Schwein gehabt.

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Im Heimatdorf des Präsidenten

Dezember 27, 2007

Das ist nicht Oggersheim, keine Mittelstandssiedlung, es ist ein kleines Dorf im Südosten Koreas. Am Rande eines bescheidenen Tals, etwa 20 min mit dem Auto von Gimhae entfernt. Die Geburtsstätte des noch amtierenden Präsidenten Roh. Der Präsident regiert das Land mit ähnlichen Befugnisssen wie in Deutschland der Kanzler oder die Kanzlerin. Unsere Familie ist geteilt in Pro und Anti – Roh. Die gegen ihn sind sagen, er errichte jetzt einen Protzbau als Altersresidenz finanziert aus Steuermitteln. Die anderen sagen, für einen Ex-Präsidenten eines 50 Millionen-Staates sei das eher bescheiden. 100m vom Geburtshaus des Präsidenten sieht es so aus, es ist Bauernland:
Präsidentendorf
Am Hauptparkplatz des Orts hängt dieses Banner mit dem Bild des Staatsoberhauptes. Im Hintergrund werden für Sicherheitsleute oder andere neue Häuser errichtet:
Präsident
Das ist das Geburtshaus:
Präsident III
Und ein wenig weiter ensteht der zukünftige Neubau:
Präsident IV
Ein bungalow-ähnlicher Gebäudekomplex, mit Holz vertäfelt. Auch diese Szene gehört dazu. Noch immer werden Produkte der Herbsternte angeboten:
Präsident II

Nordtor Gimhae

Dezember 26, 2007

Nachdem Teile der Stadtmauer und des steinernen Teils des Tores wiederhergestellt sind, folgten in den letzten Tagen die Holzaufbauten. Das endgültige Aussehen lässt sich jetzt erahnen. Wahrscheinlich im März sind die Arbeiten abgeschlossen:
Stadttor Holzkonstruktion

Merry Christmas !

Dezember 25, 2007

Weihnachten ist erst spät nach Korea gekommen. Einige haben sich auf die Suche nach dem ersten Tannenbaum gemacht und sind dabei im vorletzten Jahrhundert gelandet. In den Jahrzehnten vor 1900 bildete sich eine kleine ausländische Gemeinschaft in Seoul. Viele Staatsvertreter, Missionare, Wirtschafts- und Militärberater aus dem Westen bezogen zum Teil eigene neugebaute Häuser in der Hauptstadt. Und im Dezember eines nicht mehr genau zu datierenden Jahres wurde der erste Christbaum aufgestellt.

Dokumentiert ist jedenfalls die erste Premiere im Königspalast, und das Vorhaben wurde von Lillia Underwood 1894 beschrieben:

Sie wollte eine Überraschung für den Abend vorbereiten, dekorierte den Baum mit Kerzen, doch weil traditionell die Schiebetüren zwischen den Räumen im Palast nicht geschlossen wurden und die Königsfamilie ihre Neugier nicht zügeln konnte, musste Lillia Underwood schon bei Tageslicht die Lichter anzünden. Durch die offenen Türen ließ der Wind die Flammen jämmerlich hin und her flackern. Danach sah sie erstmal keine große Zukunft für Weihnachten in Korea.

Heute sieht das schon anders aus, der erste Weihnachtstag ist offizieller Feiertag und einer der Höhepunkte wird das Feuerwerk (!) am Strand in Haeundae/Busan sein. Und vieles stammt natürlich nicht nur aus Europa, wo das Fest viele Variationen kennt, sondern aus den USA, wohin die meisten Kontakte in den Westen bestehen.

Nicht zu vergessen, unsere Lotte Castle-Siedlung hat auf der Zufahrtstraße Lautsprecher. Die Hausmeister in ihren Büros an den jeweiligen Einfahrten dürfen tagsüber DJ sein. In der Regel wird klassische Musik angeboten, manchmal westlicher Nostalgie-Pop heute ist es Weihnachtsmusik, bis in die Tiefgarage. Surin ist deshalb gerade wieder ins Haus gekommen, wegen der Musik, wie sie sagt.

Unterm Weihnachtsbaum
Gestern unterm Weihnachtsbaum

Wir wünschen allen Frohe Weihnachten!

Englisch im Kindergarten

Dezember 23, 2007

Die Voraussetzung für Erfolg wird in Korea oft mit dem Erlernen der englischen Sprache verbunden. Das heißt selbstverständlich, dass Kinder nicht nur beginnen die koreanischen Buchstaben zu schreiben sondern auch mit dem lateinischen Alphabet anfangen, bereits im Kindergarten. Der frühe Beginn des Fremdsprachenerwerbs wird also in die Praxis umgesetzt, was in Deutschland auch allmählich zur Regel wird.

Jetzt bleibt die Frage des Wie. In der Schulzeit wird Englisch in Korea als erste Fremdsprache beibehalten, aber es scheint dass die Anwendung von Englisch als Sprachmittel behindert wird. Weil das Lernen für das Bestehen von verschiedenen Tests gilt.
Auswahl von Englischlehrbüchern für TOEFL und andere.
Busan
Selbst mit vielen Uniabsolventen kann man kein Gespräch auf Englisch führen. Es gibt im Alltag keine sprachlichen Herausforderungen, kaum Touristen, keine Austauschschüler, kein Urlaub im Ausland, wo vergleichsweise viele Europäer ihr Englisch testen. Und bei dieser Szene im Kindergarten bin ich mir nicht sicher, was effektiv an Englisch gelernt wird. Sie singen einen Text nach, der wie bei Karaoke über den Bildschirm erscheint. Aber wissen sie eigentlich, was sie da singen? Ich bezweifel das. Dieses „How are you?“,was einem immer wieder zugeworfen wird von Schülern, wenn sie einen Ausländer sehen, scheinen Bruchstücke dieser Liedtexte und vorgefertigten Gesprächsvariationen zu sein. Aber die Kinder singen gerne:

Weihnachten in Gimhae

Dezember 21, 2007

Gegen Jahresende wird es auch hier weihnachtlich. Zumindest zeigen das die Dekorationslichter in der Stadt Gimhae. Manchmal sind sie ganz bunt und blinken in kurzen Abständen, ein wenig psychedelisch. Aber nur, wenn der Blick auf so einer Leucht-Installation haften bleibt. Die Verkäuferinnen im größten Supermarkt tragen Nikolausmützen und auch eine Busfahrerin habe ich damit schon bei ihrer Arbeit gesehen (vielleicht in vorherigen Posts erwähnt).

Sayans Grundschulklassen sind heute gemeinsam in die Berge nördlich von Busan gefahren. Ein Skigebiet ist bereits mit Kunstschnee präpariert. Dort durften sie ein paar Mal rodeln. Zur gleichen Zeit lief die Weihnachtsfeier von Surins Kindergarten. Vor dem Gebäude empfangen einen diese Figuren, nicht ganz unbekannt:
Weihnachten
Europäische Märchenthemen sind äußerst beliebt.
Dass es zu Weihnachten Geschenke gibt, hat sich herumgesprochen, deswegen türmen sich die Präsente unter einem Baum im Vorführsaal. Die Eltern haben für ihre eigenen Kinder etwas besorgt. Ein Weihnachtsmann ist für die Verteilung der Gaben zuständig. Wirkt ein bisschen schlank der Mann, aber vielleicht trainieren die hiesigen mehr Taekwondo. Seine Haltung spricht dafür:
Weihnachten II
Im Vordergrund der Sportlehrer des Kindergartens, er spricht durch ein Mikro, was die Akustik etwas verstärkt. Stille Weihnacht? Sagen wir mal so, sie wird passend gemacht. Aber das erleben wir ja auch mitunter bei uns in Deutschland.
Die Gruppenräume sind aufwendig dekoriert, mit allem, was die Kinder in letzter Zeit zusammen mit den Erzieherinnen gebastelt haben. Dafür geben sie sich sehr viel Mühe. Hier ein gestaltetes Buch von Surin:
Weihnachten III
Und jeder hat ein Raumschiff konstruiert aus Restbeständen des Haushalts:
Weihnachten IV
Und das ist Surins Erzieherin aus der eigenen Gruppe.
Weihnachten V

Beim Vietnamesen

Dezember 20, 2007

Wie kommt es, dass die chinesische Küche in europäischen Restaurants sich so sehr ähnelt. Ist es die Anpassung an den Geschmack der Kunden oder die Herkunft (Hongkong)? Dazu gibt es eine Menge Theorien. In Gimhae finden sich mehrere vietnamesische Restaurants. Und manche werden nicht von Koreanern sondern von Köchen aus Südostasien betrieben. Die Gerichte, die angeboten werden, scheinen authentisch und mehr vietnamesisch als zum Beispiel in Osnabrück, wo sie sich sehr an die chinesische Küche anlehnen. Aber das war weniger interessant. Der große Unterschied ist das Verhalten der vietnamesischen Gäste. Vorwiegend junge Leute aus dem Vertragsarbeiter-Bereich. Frauen und Männer. Was erstaunt, sie haben ganz schön heftig miteinander geflirtet am Tisch, jedenfalls mehr als es der gewöhnliche deutsche Durchschnitt zulässt. Und das in einem oft als das weltweit meist konfuzianisch bezeichneten Land, Korea, was immer das auch bedeuten mag. Jedenfalls klingt es nach Strenge. In Deutschland habe ich so ein Verhalten bei Vietnamesen noch nicht beobachtet. Vielleicht sind die früheren vietnamesischen Einwanderer konservativer geblieben, wer weiß, aber so ein Muster ist häufig zu beobachten. Im Heimatland finden gesellschaftliche Umwälzungen statt und die Ausgewanderten halten an alten Traditionen fest. Hinzu kam, dass sowieso eine ziemlich ausgelassene Stimmung im Restaurant herrschte, ein Koreaner ließ eine Marionetten-Figur zur Musik eines Musik-Videoclips tanzen und holte später noch den Zauberkoffer raus:
Beim Vietnamesen

Tag der Wahl

Dezember 19, 2007


Tag der Wahl

Originally uploaded by Jens-Olaf
Seit der letzte Präsident aus Militärkreisen 1992 durch die Wahl von einem Zivilisten abgelöst wurde läuft gerade die 4 demokratische Wahl des Staatsoberhaupts an. Für SJ ist es das erste Mal überhaupt, dass sie dafür den Stimmzettel ausfüllt. Denn die Gesetze erlaubten früher keine Teilnahme der koreanischen Auslandsbürger. Man war somit Bürger zweiter Klasse, weder im Gastland (in manchen Länder können Nichtstaatsbürger wenigstens an Kommunalwahlen teilnehmen) noch zu Hause.
Heute morgen haben sich vor dieser Sporthalle einer Grundschule, die als Wahllokal dient, immer wieder Warteschlangen gebildet. Das scheint auf eine recht hohe Wahlbeteiligung hinauszulaufen, leider ist Photografieren im Wahllokal nicht erlaubt, das ist wohl ein Privileg der Presse. Obwohl nicht notwendig, kreiste zwischendurch eine Polizeistreife um die Schule herum.
Tag der Wahl II
18:30 Uhr. Mal schauen wie schnell Wikipedia die Ergebnisse bringt um 19 Uhr sollen die ersten Zahlen kommen.

Floristen, Gärtner und andere

Dezember 17, 2007

Einmal habe ich schon die Töpfer erwähnt. Das sind die Freaks, nein, auch die Floristen. Jedenfalls passen sie nicht in das übliche Arbeitnehmer-Schema, was man bei uns ( Deutschland) als typisch asiatisch dargestellt bekommt. Und da Korea überproportional viele Selbstständige besitzt, gibt es wahrscheinlich doch mehr Individualisten als es den Anschein hat. Floristen: Er redet von „Kindern“, wenn es um junge Triebe geht. Er erklärt gerne und ausführlich. Außerdem doziert er an der Uni für Pflanzenkunde. Auch der künstlerische Aspekt kommt nicht zu kurz. Für eine trockenheitsliebene Pflanze benutzt er Steine von der Vulkaninsel Cheju-do im äußersten Süden:
Gärtnerei
Und den letztens erwähnten Weihnachtsbaum haben wir von einem ehemaligen Beamten. Jetzt züchtet er Pflanzen. Seine Tochter möchte keinen Koreaner heiraten erzählt er, lieber einen „Ausländer“. Seine Frau hat nichts dagegen aber er hat Bedenken. Nur wenn er uns so sieht, überlegt er es sich vielleicht anders. Verkaufsgespräche, aber wahrscheinlich meint er es wirklich so. 😉

Wahlkampf um die Präsidentschaft

Dezember 16, 2007

Nur wenige Tage noch und es wird einen neuen Präsidenten in Korea geben. Wahlumfragen dürfen nicht mehr veröffentlicht werden. Die Wahlkämpfer werben aber noch fleißig um Stimmen. Und mit etwa gleichen Mitteln. Jede Gruppierung hat einen kleinen Lieferwagen mit Rede-Bühne für die lokalen Stellvertreter. Die Plakate haben alle gleiche Größe nur die Banner sind manchmal verschieden. Heute standen sich gleich mehrere Konkurrenten-Gruppen an einer Kreuzung in Gimhae gegenüber. Die Orangenfarbenen tanzten zur Musik aus dem Lautsprecher, die Blauen verneigten sich vor den Verkehrsteilnehmern. Andere im Hintergrund verteilten Broschuren über ihren favorisierten Kandidaten. Nur Diskussionsstände gibt es nicht. Das hat keine Tradition.
Wahlkampf - Kreuzung

Anmerkung zur Diskussionskultur: Eine Oppositionspartei hatte letztens die Türen des Nationalparlaments mit einer Eisenkette verriegelt. Vor der Tür stapelten sie Sofa und Stühle. Eine andere Partei rief Sicherheitsleute herbei, die mit einer elektrischen Metallsäge die Kette traktierten. Später wurde namentlich festgehalten, wer wem mit den Fingern ins Auge gestochen hatte und wer für die Bisse in die Hände verantwortlich war. Weiteres: Ohrfeigen und eine Gesichtsverletzung durch fliegenden Telefonhörer. Beleidigungen und verbale Attacken wurden ebenfalls dokumentiert. Dauer etwa 15. min.

Wer sich die aktuelle Szene ansehen möchte hier der Videolink zu CNN